Jonathan P Baker / Salt

Der-mit-den-Geistern-jagt

Description:

Der saure Regen hatte aufgehört, der breitschultrige Ork stand am Bug des kleinen Bootes und starrte hinaus auf die Lichter der Stadt. Über seinem Rücken hingen Bogen und Köcher. Er trug schwere Stiefel, eine Kunstlederhose und eine Kunstlederjacke, an der lose Fäden hingen. Er hatte die Jacke einem Ganger abgenommen, der sich mit ihm hat anlegen wollen und die aufgenähten Gangabzeichen einfach abgerissen. Unter der Jacke trug er ein wohl ehemals weisses, momentan eher gelbliches Unterhemd mit Blutflecken, unter dem sich seine Muskeln abzeichneten. Am Hals hing eine Kette mit den Zähnen verschiedener grosser Tiere und Critter, die er selbst erlegt hatte. Am Gürtel waren diverse Beutel befestigt, Kräuter, einzelne Knochen hingen daran. Die Luft hier auf dem Wasser war erstaunlich sauber, so nahm Salt einen tiefen Atemzug. Das Boot wiegte sanft in der Bucht von Seattle. Er wartete auf das Ok, um zum Treffpunkt zu fahren. Sein kahlrasierter Hinterkopf schimmerte im Mondlicht, das durch die höherliegende Smogschicht schien. Hinter dem Ohr am Schädel befand sich ein vier Zentimeter breites Achteck, in dem ein stilisierter Hammerhai zu sehen war. Wie eine Kachel grenzte daran ein anderes Achteck, in dem ein stilisierter Adler sich gerade über seine Beute hermachte – die Tätowierungen waren die Preise, die er damals für die Hilfe der Geister hatte zahlen müssen. Seine fast schwarzen Augen blickten durch die Brille und versuchten die Übertragung zu sehen, die sein Komlink aufspielte. Aber wie so oft versagte die Technik ihm ihren Dienst. Er schlug dagegen, es wurde immer noch nicht scharf gestellt. Seine dunkle Haut zeugte von seiner Herkunft aus dem Volk der Inuits. Er haute gegen das Comlink, endlich konnte man etwas erkennen. Es schien Probleme bei der Übergabe zu geben, ein Hinterhalt. Endlich etwas Action, ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, die gerahmt waren von einem schwarzen Vollbart. Die Luft um seine rechte Hand knisterte, als er den Manablitz vorbereitete und mit der anderen das Boot in Richtung des Treffpunktes lenkte.

Bio:

Kindheit und Erwachen

Er erinnerte sich. Es war dunkel, das Tageslicht war nur ein schmaler Streif am Horizont, das die Eisschollen in der dunklen See düster funkeln liess. Der 10-jährige Jonathan riss sich los vom Anblick der See und stapfte weiter von der Schule in Richtung der kleinen Siedlung Salt Beach, wo seine Eltern mit seinen Geschwistern lebten. Es war nicht spät, aber die kleinen Inuitsiedlungen lagen sehr nördlich an der Westküste des Athabaskan Councils. Jonathan hatte nachsitzen müssen. Er hatte sich in der Pause mit einem Mitschüler aus dem letzten Jahrgang geprügelt. Er war gereizt. Sogar gereizter als normalerweise, da hatte ein Blick und ein Kommentar über seine Hauer ausgereicht, um ihn den Jungen niederschlagen zu lassen. Er lächelte bei dem Gedanken daran, dass David die nächsten Tage wohl keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen wird. Er hatte schlecht geschlafen, schlecht geträumt, er wusste, etwas werde geschehen. Bald. Doch er wusste nicht, dass es heute schon so weit war. Er war noch in der Schule gewesen, als die Konzerntruppen angerückt waren, das Dorf umzingelt und ein letztes Ultimatum gestellt hatten. Sie sollten das Dorf umsiedeln, da es hier seltene Erden gab, hinter denen die Konzerne her waren.

Aber sie waren standhaft geblieben, zu oft hatten sie schon Zugeständnisse gemacht. Und die Regierung hatte nur tatenlos zugesehen. Er sah mehrere Fahrzeuge, hörte Gewehrfeuer und Jonathan wusste, es passierte. Er rannte los und sah grad noch seine Eltern, die am Rande des Dorfes wohnten, wie sie von den Konzernleuten niedergemäht wurden. Sie waren technologisch und mengenmässig im Vorteil. Er sah seine Mutter von einer Salve getroffen zu Boden gehen, seine kleine Schwester noch im Arm, während sein Vater noch zielte, doch es half nichts, die Salve traf auch ihn, und er sah sie fallen, in Zeitlupe. Er fühlte Schmerz, spürte, wie der Schmerz in Zorn umschlug. Einen kalten Zorn, der die Luft um ihn herum knistern liess. Und er wusste, er war nicht allein. Er sah den Geist von Hai neben sich in der Luft schweben. Jonathans Geist griff um sich, forderte die Welt auf, sich zu wehren, die Eindringlinge zu zerstören. Und er spürte, wie aus dem Wasser ein wirbelnder Wassergeist erschien, eine Kugel aus Eis und Wasser, und er spürte, wie der Schütze einfach zu Boden ging, getroffen von Jonathans Blick, doch er rannte schon auf die nächsten zu, und hinterliess eine Spur der Verheerung. Sie schossen auf ihn, aber er merkte nichts, sein Blickfeld war roteingefärbt, es gab nur den Hunger nach Rache, der ihn ganz erfüllte. Doch schliesslich verschwamm sein Blick und er sank, von Erschöpfung und Verletzungen niedergebracht, zu Boden.

Jugend und Lehrjahre

Als er das nächste Mal die Augen aufschlug, befand er sich im Zelt des Schamanen Grauwolf, eines alten Inuits, der sich selbst der Verteidigung des Landes verschrieben hatte, der zusammenarbeitete mit einzelnen versprengten Inuits, denen die mangelnde Kontrolle der Konzerne seitens des Athabaskan Councils ein Dorn im Auge war. Später erfuhr er, dass der Überfall des Dorfes als Unfall getarnt wurde. Eine lecke Gasleitung. Grauwolf war in Astralform in der Nähe der Siedlung, als es passierte. Er bat die von ihm gebundenen Geister, Jonathan zu schützen und zu verstecken, und machte sich schliesslich auf den Weg, ihn zu holen, aufzupeppeln und die nächsten Jahre zu unterrichten. Er brachte ihm bei, die Geister des Landes zu rufen, Sprüche zu wirken und in der unwirtlichen Natur zu überleben. Doch das Glück währte nicht ewig. Die Ausbildung dauerte sechs Jahre, als Grauwolf schliesslich in einem Kampf gegen einen toxischen Schamanen unterlag. Es gelang Jonathan und einigen anderen von Green Wars zwar, ihn schliesslich zu besiegen, aber die Gruppe um Grauwolf zerbrach. Und Jonathan spürte den Drang weiterzuziehen. Nur mit Cynthia, einer Ökoterroristin, ist er in Kontakt geblieben. Zusammen sind sie nach Seattle gegangen. Doch während Cynthia ihrer gemeinsamen Sache treu geblieben ist, hat Jonathan sich entschlossen, in die Schatten zu gehen. Zunächst nahm er vor allem Aufträge von Klaus Stars Schmugglerbande an, die seine Geisterdienste zu schätzen wussten.

Ein Leben in den Schatten – die jüngste Vergangenheit und alte Freunde

Er wusste, er musste aufpassen, er würde wohl nicht immer für die richtige Seite arbeiten. Aber das Wissen, das er dort erwerben konnte, war viel Wert, um seinen und Hais Kampf gegen die gemeinsamen Feinde fortzuführen. Und es war gut bezahlt.

Sirenenlärm ertönte irgendwo in der Nähe, in der AR tauchten Nachrichten auf von einer verdächtigen Person. Die AR hämmerte weitere Nachrichten raus, der Taco-Laden El Luchador schräg gegenüber warb mit einer neuen Kreation, mit echt 5% echtem Fleisch. Salt lungerte hinter einem Müllcontainer, starrte auf den Eingang des Stripclubs gegenüber. „Jetzt neu, Trolllady Simba! Gigantische Schenkel, …“, doch bevor Salt der ganze Text erschien, wechselte Salt auf die Astralebene. Neben ihm schwebte ein Kolibri, unter dessen Flügel sich kleine Tornados bildeten. Er leuchtete in allen Farben des Regenbogens. Ihm war es zu verdanken, dass die Passanten ihn nicht weiter beachteten. Er dachte an die letzte Nacht, es war spät geworden, er hatte Cynthia wieder getroffen, und wie immer endete es mit einem Absturz mit billigem Soy-Fusel und einer Nacht in ihrer Absteige irgendwo in der Grube, an die sich keiner mehr erinnern konnte. Aber sie waren ein eingespieltes Team, seitdem sie damals Seite an Seite bei GreenWars gekämpft hatten. Er kannte ihren Körper, der echt war. Keine Cyberware, keine Operationen, nichtmals Make-Up trug sie. Dafür strahlte ihr Körper vor Magie. Adler führte sie. Er hatte jedoch keine Lust gehabt auf das unangenehme Schweigen am nächsten Morgen, und noch weniger Lust darauf, dass sie redeten. Und gerade als er sich hatte davonstehlen wollen, sagte sie: „Jonathan, ich muss dir noch etwas sagen.“ Und obwohl er weiter seine Stiefel schnürte, sie nicht ansah, fuhr sie fort: „Ich habe gehört, dass er in der Stadt ist. Jemand hat Pjotr gesehen!“ Und hier war er nun. Wartete darauf, dass dieser Mistkerl den Laden verliess. Dieser Mistkerl, der die Schuld daran trägt, dass Grauwolf in die ewigen Jagdgründe gegangen ist und Cynthia und er ihm beinahe gefolgt wären.
Und dann sah er ihn. Er erkannte die Aura. Schamane wie er, nur von einem anderen Volk. Er wirkte betrunken, niedergeschlagen. Er schien ihn auch nicht zu bemerken. Salt kanalisierte die Energien, bat die Geister um Hilfe und merkte, wie seine Wahrnehmung sich verbesserte, seine Reflexe sich steigerten, und sprang auf. Beim Gehen webte er den nächsten Zauber, eine Panzerung und verankerte sie in seinem Zauberspeicher. Er folgte Pjotr, der in eine dunkle Gasse ging und plötzlich verschwunden war. Am Ende der Gasse lungerten ein paar Squatter an einer brennenden Mülltonne. Aber Pjotr war nicht zu sehen. Salt fluchte. Wie ein Anfänger war er hereingelegt worden – da hörte er einen Schuss und warf sich blitzschnell zur Seite. Nur er war zu langsam. Der Panzerzauber hielt zwar den größten Schaden ab, doch die Kugel drang dennoch in seine Schulter und blieb da stecken. Aufgeschreckt vom Knall warfen die Squatter sich zu Boden und flehten Ganesh, den großen Manitu oder wen auch immer um Schutz an, doch Salt nahm das kaum noch wahr, sein Blick verengte sich, als er endlich Pjotr entdeckte und auf ihn zusprang. Er hörte nicht Cynthias Stimme, die schrie, er hätte versprochen zu warten. Er sah nur noch seinen Feind, spürte dessen Kugel in seiner Schulter und warf ihm einen Energieblitz entgegen. Doch den warf Pjotr ab und schüttelte sich nur leicht, während er selbst die Pistole wegwarf und eine Barriere formte, die Salt aufhalten sollte, während er sich zur Flucht wendete. Doch die Barriere zersplitterte nach zwei Schlägen von Salts Faust und ein starker Windstoß, der zu einem kleinen, lokalen Sturm anschwoll, hinderte Pjotrs Flucht. Der Windgeist bremste ihn. Ein Feuerball von Pjotr liess die Haut an Salts Bein aufplatzen, doch er nahm den Schmerz kaum wahr, warf noch einen Energieblitz auf Pjotr, den er nicht ganz abwehren konnte und der ihn stolpern liess. Salt sprang, riss ihn um und die beiden rollten über den Boden. Salt war schneller wieder auf den Beinen und stürzte sich auf Pjotr, sah ihn seine tiefgrünen Elfenaugen und zerschmetterte seine Nase mit einem Schlag. Er jagte in den unter ihm liegenden noch einen Energieblitz, dass der Körper sich aufbäumte und die Augen glasig wurden. Salt atmete ruhiger, langsam wurde er wieder Herr seiner Sinne. „Jonathan, ich“… würgte er, spuckte paar Zähne aus. „Sie hatten meine Tochter, ich musste. Sie liessen mir keine Wahl, ich habe alles versucht, ich…“ Salt wartete nicht weiter auf die Rechtfertigung. Er holte aus, sprach die Todeshand und liess seine Faust niederschmettern. Pjotrs Gesicht war zerfetzt. Salt stand auf, wischte sich das Blut von der Hand und blickte auf den Körper von dem, der einmal sein Freund gewesen war. Bevor er ihn verraten hatte. Und nun hatte ihn die gerechte Strafe ereilt. Cynthia stand vor ihm, ihre scharf geschnittenen Gesichtszüge waren wutverzerrt, ihre Haut gerötet, nicht nur von der schadstoffhaltigen Luft des Sprawls, die sie nicht vertrug.
„Du weißt, er hatte wirklich eine Tochter…“, drang ihre Stimme unter knirschenden Zähnen zu ihm, als er die Gasse verliess. Er drehte sich nicht um. „Du hättest ihn zumindest noch anhören können.“ Doch sie folgte ihm nicht.

Jonathan P Baker / Salt

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